„Entzugserscheinungen“

Endlich mal wieder was „zum Thema“, wenn ihr so wollt. Zum Thema Depression und Antidepressiva.

Es geistert ja schön durch die Internetwelt, dass Antidepressiva süchtig machen, weil sie zu Entzugserscheinungen führen. Dem habe ich immer vehement wiedersprochen, und dabei bleibe ich, erst Recht nach meinem unfreiwilligen Selbstversuch. Vor ein paar Wochen habe ich aus Versehen abends noch eine Venlafaxin genommen und somit meine ohnehin schon recht hohe Tagesdosis gelassen verdoppelt. Urgs.

Die erwarteten sofortigen Nebenwirkungen blieben aus. Keine „erhöhte Unruhe“, kein „nicht schlafen können“, alles gut. Alles war wie immer. Ich war maximal ein kleines Bißchen aufgedrehter als sonst, aber das wars.

Als Erklärung hierzu: Ich bin kein besonders… in sich ruhender… Mensch. Eigentlich sprüht meine Energie in tausend Funken in tausend Richtungen und ich habe kaum genug Zeit um allen meinen Kreativen Schnapsideen nachgehen. Das war der „gesunde Zustand“ und meine Psychiaterin ist der Ansicht, dass Tabletten mich dann bitte auch wieder genau da hin bringen dürfen.

Gut, wo waren wir? Ach ja, doppelte Dosis. Zuerst war alles okay. Nur… am nächsten Abend überfiel mich dann zuerst der Schwindel, dann der Schüttelfrost. Zusammen mit allgemeiner Erschöpfung dachte ich mir „Grippe lässt grüßen… dann wird das morgen wohl nix mit dem Arbeiten“. Aber nein, am nächsten Morgen war erst mal alles wieder gut. Bis es im Lauf des Tages wiederkam und… ehm… ja. Nicht nur einmal.

Was tut also der brave, aufgeklärte Patient? Er informiert sich erst mal selber. In der Dosis geht das Venla nicht nur auf Serotonin, sondern auch auf Adrenalin. Und in meiner versehentlich Erhöhten sogar auf Dopamin. Na Mahlzeit.

Ein Ungleichgewicht im Adrenalinhaushalt führt zu? Müdigkeit (check), Kopfschmerzen (check) und Zittern (von mir als „Schüttelfrost“ definiert). Okay… genaugenommen sind das also nur die Auswirkungen von „zu viel Medikament“ bis sich alles wieder eingepegelt hat.

Ein Ungleichgewicht im Dopaminhaushalt hat ähnliche Symptome. Sogenannte „harte“ Drogen erzeugen genau das, ein Ungleichgewicht im Dopaminhaushalt, was zu den typischen Entzugssymptomen führt.

Was will uns die Autorin mit diesem chaotischen Erguss sagen: Entzugssymptome bei Antidepressiva bedeuten nicht, dass Du nach dem Zeug süchtig bist. Sie bedeuten, dass das Medikament wirkt, dass es etwas in Deinem Hirn anstellt.

Da ich mich schon lange von dem Gedanken verabschiedet habe, dass ich jemals wieder ohne Antidepressiva leben kann (wozu auch, gegen Blutdruck nimmt man ja auch täglich seine Tabletten), ist das für mich also eher ein positiver Beweis dafür, dass die Tabletten keine wenig zielführenden „Happy Pills“ sind, sondern ein Ungleichgewicht im Bereich der Neurotransmitter so einstellen, dass ich wieder ganz ich sein kann.

Womit ich übrigens nicht gerechnet hatte, ist dass ich tatsächlich fast zwei Wochen lang was davon haben sollte, von dem chaotischen Hirnzustande. Merke also: Bloß nie wieder aus Versehen die Dosis verdoppeln. Das ist… nicht lustig.

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