Bretagne für Angeschlagene

Angeregt von Katrins Kommentar, habe ich mir in den letzten Tagen viele Gedanken darüber gemacht, wie man die Bretagne als Urlaubsort für angeschlagene MS-Kranke beschreiben kann.
Alles was ich hier schreibe, entspringt meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Hierzu muss gesagt werden, dass wir ganz bewußt Urlaub im Binnenland des Morbihan machen und nur selten ausgetretene touristische Pfade beschreiten.

Erstmal: Das Hinkommen. Das ist beileibe kein Zuckerschlecken.
– Wenn man mit dem Zug fahren möchte, muss man in Paris umsteigen. Selber habe ich das noch nie gemacht, aber schon von einigen Reisenden gehört, dass dies kein Spaß ist, denn Paris hat nur Kopfbahnhöfe und zwischen denen muss man sich durch die Metro quetschen.
– Mit dem Auto reden wir von rund 1100 Kilometern (von Stuttgart aus gerechnet). Wir fahren das immer in zwei Etappen und haben uns für Reims als Etappenstadt entschieden. Die Autobahnrastplätze in Frankreich sind meiner Ansicht nach deutlich besser auf Rollifahrer eingerichtet als in Deutschland, denn es gibt auf den Picknickplätzen z.B. oft spezielle Tische, die eine breite, gepflasterte „Umrollfläche“ haben, und bei denen man mit dem Rolli direkt an den Tisch fahren kann.

Wenn man das „Hinkommen“ hinter sich hat, kommt es natürlich drauf an, wo und wie man wohnt. Ich selber kenne bisher nur kleine Gites, die sich mit ihren steilen Holztreppen definitiv nicht für wirklich gehbehinderte Menschen eignen. Bei entsprechender Auswahl der Unterkunft ist das denke ich aber auch kein Problem.

Die Temperaturen. Ja, die Bretagne ist nicht so schwülheiß wie der Großraum Stuttgart. Nichtsdestotrotz kann es im Sommer heiß werden, wir hatten drei Tage lang Temperaturen von über 30 Grad. Die lassen sich aber im Schatten am Meer gut aushalten. An den beaufsichtigten Stränden habe ich so was wie „Strandbuggys für Körperbehinderte“ gesehen – die sehen aus wie ein Dreirad mit Pontons, mit dem man den darin sitzenden Menschen ins Wasser schieben kann. Dafür ein dickes Plus. Ansonsten muss man sich den Schatten an den Strand selber mitbringen.Achtung: Der Sand ist superfein und weich wie Seide, er kriecht allerdings in sämtliche verfügbaren Zwischenräume und jedes nicht perfekt verkapselte Kugellager wird ihm zum Opfer fallen.
Die Temperaturen können allerdings auch superschnell abstürzen und man hat Nieselregen bei 20 Grad. Meine Sommererfahrung war bislang die, dass alles vorkam, es aber viele tolle Tage mit 26 oder 27 Grad und Wind hatte. (In diesem Urlaub an 13 von 14 Tagen Sonne)

Die Städchen. Die liegen meist an der Küste oder an einem Fluss. Die Küstenstädchen sind noch halbwegs eben, alles was an Flüssen liegt hat aber meist eine ordentliche Portion Topographie, gerne auch mit einigen sehr steilen Anstiegen. Man sollte auf jeden Fall Kopfsteinpflaster einplanen und damit rechnen, dass auch der Asphalt nicht unbedingt eben ist.

Waldwege. Sind wenn überhaupt geschottert, viele sind einfach nur bessere Trampfelpfade. Ein Rolli sollte hier also eine gewisse Geländegängigkeit aufweisen.

Die „üblichen Sehenswürdigkeiten“ Denkt man an das Morbihan denkt man an Megalithen. Hier gibt es leider nur einen Ort, die ich als „Rolligeeignet mit Einschränkungen“ empfehlen kann, das ist Locmariaquer. Die Wege zwischen den drei Hauptattraktionen sind geschottert und wenn der Rolli schmal ist, kann man sogar in die Table des Marchand reinfahren.
Gavrinis? Das normale Touristenboot kann keine Rollifahrer mitnehmen, der Zugang zum Cairn ist recht steil und der Cairn selber relativ schmal und uneben. Wenn man erst mal da ist, würde es aber wohl funktionieren.
Carnac? Die Aussichtsplattform neben der Straße sieht Rollstuhlzugänglich aus, direkt zu den Menhiren kommt man jedoch nicht. Die stehen einfach im weichen Heideboden , der ist uneben, eben weich, und die Durchgänge sind oft einfach eng.
Insgesamt stehen die Megalithen zu 95% einfach „irgendwo“ in der Landschaft rum und sind für Nicht-Fußgänger nur bedingt gut zu erreichen.

Frankreich selber habe ich als Urlaubsland wesentlich barrierefreier als Deutschland erlebt. Geld- und Parkautomaten auf Rollihöhe, Toiletten, auch Rampen sind ganz selbstverständlich da, genau wie eben am Strand diese Buggys von der Wasserwacht.

Meine ganz persönliche Meinung: Ein Rolli-Urlaub in der Bretagne braucht auf jeden Fall Vorbereitung und gute Französischkenntnisse. Ansonsten hängt sehr viel davon ab, was man machen möchte.

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