Hochbegabung, Asperger und andere… Probleme?

Ich hatte es an einer anderen Stelle ja mal angerissen, den „Kerl in mir“, den „Aspie in mir“… die vielen Anteile in mir, die ich irgendwie benennen kann, und die zusammen eben mich ausmachen. Ich habe am Wochenende mal drüber nachsinniert und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das Alles jetzt mal in Worte fassen will. Ich denke doch, dass es den einen oder die andere interessiert, wer ich bin – zumindest wie ich mich wahrnehme.

Ganz vorne dran und de facto psychologisch diagnostiziert bin ich eine Höchstbegabung. Ein IQ konnte im Alter von ungefähr 10 bis 12 Jahren nicht festgestellt werden, da ich alle für mein Alter verfügbaren Tests mit 100% abgeschlossen habe. Diagnose der Psychologin: „IQ irgendwo >150, genauer können wir das erst sagen, wenn sie erwachsen ist.“ Ich habe mich nie wieder testen lassen, denn das ist ja auch nur ’ne Zahl und geht mir am Allerwertesten vorbei. Und ob Hoch- oder Höchst- oder… whatever… ich weiß, dass ich lerntechnisch einfach anders ticke. Dinge, die mich nicht interessieren bekomme ich nur mit Mühe in meine Birne. Wenn mich was interessiert, dann hält mich nix mehr und ich baue in Nullkommanix enzyklopädisches Wissen auf. Meine Frau witzelt immer über ihr wandelndes Lexikon.

Hier kommen wir dann an die Schnittstelle zu „meinem Aspie“. Beim Baron-Cohen-Test komme ich nie unter 32 weg, eher 34 bis 36, kann je nach Tagesform auch bis 39 gehen. Für eine Frau? Verdammt hoch für jemanden ohne Diagnose. Trotz allem würde ich mich nicht besonders gerne als Autist bezeichnen, weil ich finde, dass ich damit all diejenigen beleidige, die wirklich autistisch sind. Meine fehlenden Reizfilter hatte ich zwar schon früh bemerkt, aber irgendwie immer im Zusammenhang mit meiner Hochbegabung gesehen.

Okay… es gibt Geräusche, die ertrage ich nur mit Mühe, zum Beispiel, die Geräusche die Menschen machen, wenn sie kauen. Stört mich manchmal bei mir selber, bei anderen fast immer. Insgesamt habe ich ein sehr gutes Gehör und blende diese ganzen leisen Geräusche, die mich sonst in den Wahnsinn treiben würden gerne mit Musik oder anderen bewusst herbeigeführten Geräuschen wie zum Beispiel Fernsehen aus.

Ich bin ein Nasentierchen. Für mich unangenehme Gerüche machen mich fertig, führen innerhalb von Minuten zu übelsten Kopfschmerzen. Allerdings sind mir – mit Ausnahme von fast allen Blumen – nur Gerüche unangenehm, die andere Leute auch stören. Dass ich ein feines Näschen habe bestreitet aber keiner, ich rieche das oft schon, wenn andere noch Fragezeichen in den Augen haben.

Ich habe meine Routinen und tue mich schwer damit, wenn ich die umschmeißen muss. Das geht in den Ferien oder am Wochenende – wenn ich weniger Verpflichtungen habe – leichter, wenn ich arbeiten muss ist das… plöt. Wenn ich einen Tag durchgeplant habe und es mir nicht so gut geht, schmeißt es mich regelrecht aus der Bahn wenn jemand oder etwas meine Planung zerstört.

Das Gefühl des Meltdowns kenne ich durchaus, auch den Overload. Wie stark sich das manifestiert, wie schnell ich überlade, das hat wie ich inzwischen festgestellt habe auch was mit meiner Depression zu tun.  Da überreize ich deutlich schneller. Faszinierend finde ich, dass mein Schlafzimmer sich im Lauf der letzten 15 Jahre immer mehr zu einem rein weißen Raum mit wenigen hellblauen Akzenten gewandelt hat, weil ich da am besten entspannen kann.

Ach ja – für Fremde gilt ein „Fass mich nicht an!“ – ich brauche schon einiges an Vertrauen und Freundschaft, ehe ich mich freiwillig berühren lasse. Diese ganze Umarmerei ist… na ja, ich weiß dass enge Freunde das erwarten, also mache ich mit. Aber das isses dann auch. (Kleiner Hinweis an meine engeren Freunde, falls sie das Lesen – passt schon, ignoriert den Absatz 😉 ) Die einzige Person, die ich gerne berühre und von der ich mich gerne berühren lasse ist die beste Ehefrau von allen.

Dann ist da der „Kerl“. Meine maskuline Seite, die sich nicht an dem Körper stört in dem sie steckt, aber das ist auch schon alles. Das femininste was Du (außerhalb von Kostüm) an mich ran bringst ist die Rockerbraut in High Heels mit Leder und Nieten. Ich bin ein ziemlicher Computergeek, liebe technisches Spielzeug bis heute und kann mit Puppen so gar nichts anfangen. Andererseits fasziniert mich die Herstellung komplexer Spitzen (…wobei wir da schon wieder im Bereich „Spezialinteresse“ sein könnten…). Ach ja – im Rollenspiel spiele ich freiwillig nie weibliche Charaktere. Der Genderismus würde mich wahrscheinlich als „Non-Binary“ oder „Genderfluid“ klassifizieren, ich sehe mich lieber als mich. Merkwürdigerweise kommt der Kerl ganz deutlich nach vorne, wenn die Depression zuschlägt. Je depressiv, desto weniger ertrage ich „Mädchenzeug“.

Rollenspiel und Spezialinteressen… das ist so ’ne Sache. Ich bin Method Actor. Ist mein Charakter Kryptanalytiker, werde ich Tonnen von Literatur zu dem Thema verschlingen um das überzeugend spielen zu können. Packt mich ein Interesse, dann vertiefe ich mich da hinein, ganz, oder gar nicht. Halbe Sachen gibt es da nicht. Das gilt auch für meine Bastelleidenschaft. Ganz oder gar nicht.

Stimming… dafür hatte ich bis vor kurzem noch nicht mal ein Wort, gemacht habe ich das aber schon fast immer. Meine Hände brauchen immer was zu tun. Und wenn es das Kritzeln auf einem Zettel ist. Schon in der Schule konnte ich nur sinnvoll aufpassen, wenn ich den Sehsinn und die Hände mit Kritzeln oder Schreiben beschäftigen konnte, damit die Ohren aufnehmen können. Ist heute noch so… wie gut, dass man inzwischen immer und überall am Handy rumgrabbschen kann.

Viel Lärm um nichts? Ja, wahrscheinlich. Aber vielleicht auch nicht, denn irgendie tut es mir gut, mich mal einzuordnen. Mal für mich festzustellen: Ja, ich hab Depressionen, die äußern sich so wie die Depressionen von manchen anderen Leuten, aber ich bin stabil und aktuell in einem guten Equilibrium. Ich nehme meine Antidepressiva, aber ich will sie nicht loswerden, weil ich mir sicher bin, dass die Ursache meiner Depression einen deutlich höheren körperlichen Anteil als psychischen Anteil hat.

Festzustellen: Ich habe definitiv autistische Züge. Das will ich nicht abstreiten, kann ich auch gar nicht. Aber bin ich Autist? Ich selbst kann diese Frage nicht beantworten. Und ich habe nicht vor, einen Psychologen darauf anzusetzen, mir dieses Etikett zu verpassen oder auch nicht.  Sicher ist nur Eines – etliche meine Macken sind keine Ausrede. Sie sind Richtlinien, die mir helfen im Leben besser klarzukommen.

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