Behandlungsmödele

Manchmal gibt es so Momente… Momente in denen Du Dich fragst, ob nun eigentlich die Welt bescheuert ist oder Du selbst.
Ich habe meine MS jetzt seit fünfzehn Jahren diagnostiziert (krank bin ich schon seit über 20 Jahren, also mehr als mein halbes Leben) und behandelt. In der Zeit habe ich schon… ich weißnichtwieviele… MS-Diätmoden erlebt, dass ich darüber eigentlich nur noch lachen kann. „Lacto-Ovo-Vegetarisch“, „Seafood“, seit neuestem „Paleo“… boah Leute, wenn es eine MS-Diät gäbe, die hülfe, dann würden sie das doch nicht alle paar Jahre umschmeißen. MS-Diäten gehören leider in die esoterische „Wenn Du dran glaubst hilft es. Vielleicht.“-Ecke. Damit will ich Komplementärmedizin nicht verteufeln, aber gerade das Diätzeugs plagt den einen oder andere Bekannten mit MS doch sehr, denn eigentlich will man ja gar nicht… und würde so gerne… und traut sich nicht es zu lassen weil…

Fact ist: Es gibt Medikamente, die helfen. Die Doctores entdecken zwar gerade erst, was nun genau diese doofe MS auslöst, aber die Medis helfen jetzt schon statistisch eindeutig. Es gibt inzwischen sogar Medikamente, deren Nebenwirkungen okay sind, die man nicht mehr jeden Tag oder jeden zweiten oder dritten Tag spritzen muss. Und falls es zum Schub kommt gibt es Cortison. Diese Medis helfen auch bei jedem.

Seit ich durch eine exzellente Physiotherapeutin in Kombination mit einem Diplom-Sportler einen Einstieg in die Welt der Fitness finden konnte, kenne ich noch eine allgemeingültige Regel: MS-Patienten müssten beim Training unterhalb einer Dauerpulsgrenze von 150 bleiben, ab da steigt die Körperkerntemperatur und die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt rapide ab. Seither? Verstehe ich mich. Verstehe, dass ich auf der Ebene problemlos kilometerweit laufen kann, aber wehe es kommt ’ne Steigung. Und das geht halt auch nicht nur mir so.

Aber – siehe Sauna – es gibt sie halt nicht, die allgemeine Regel darüber hinaus. Es gibt keine Superernährung für alle, es gibt keine Superkomplementärmedizin für alle. Manchmal funktionieren manche Dinge einfach, weil man daran glaubt, das nennt sich „Placebo“. Auch bei Diäten. Ich habe fünf schubfreie Jahre verbracht, in denen ich nur daran geglaubt habe, dass mein Blutdrucksenker hilft, die MS zu unterdrücken, weil ich die Spritzerei satt hatte. Hat funktioniert. Für ’ne gewisse Zeit. Dann kam sie zurück, die MS, with a vengeance. Drei heftige Schübe in einem Jahr. Unter’m Strich? Hab ich gar nix gewonnen.

Nennt mich einen Ketzer, aber ich bin mir heute sicher, dass ein MS-Kranker genau drei (bis vier) Dinge braucht:
– einen guten Arzt der eine passende Basistherapie verordnet und im Schubfall schnell und ausreichend Cortison gibt
– einen guten Physiotherapeuten der dafür sorgt, dass die MS-Schädigungen nicht noch mehr kaputt machen. (Stichwort: Schonhaltung)
(Bei den 50%+ die sich wie ich auch mit einer bleibenden Depression rumschlagen dürfen, obwohl die Coping-Therapie (erfolgreich) abgeschlossen ist kommt noch eins dazu
– ein guter Psychiater, im Optimalfall in einer Gemeinschaftspraxis mit dem behandelnden Neurologen)
– alles andere, was dem Kranken gut tut. Wenn das ’ne Diät ist? Fein. Wenn nicht? Also ich esse Schokolade nur an Tagen, die mit G enden. Und Mittwochs. Habt Spaß, genießt das Leben, jetzt hier und heute und denkt nicht zu viel an Morgen. Lasst euch eure Lebensfreude nicht nehmen. Ihr habt nur dieses eine Leben und genauso wie jeder andere das Recht darauf, glücklich zu sein.

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